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20.07.2012 08:20
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Wüsthof: Made in Solingen für die USA

Von Fred Lothar Melchior

Schneidwaren im Flugzeug? In den 1960er und 70er Jahren ging das noch, als Wolfgang Wüsthof mit Taschen voller Messer durch die USA reiste. Am Anfang war das Geschäft zäh, aber die Solinger Qualität setzte sich durch: Heute macht die Ed. Wüsthof Dreizackwerk KG 84 Prozent ihres Umsatzes im Ausland, speziell in Nordamerika.

Zur Wüsthof-Produktpalette gehören rund 350 verschiedene Messer in sieben Serien – vom kleinen Küchenmesser mit vier Zentimetern Klingenlänge, dem „Zöppken“, bis zu den großen Schlachtermessern mit 36 Zentimetern. Die Produktion ist hoch technisiert: Zur „Belegschaft“ des bald 200 Jahre alten Traditionsunternehmens zählen mehr als 100 Roboter. Der erste wurde im Jahr 1985 „eingestellt“.

Die Roboter sorgen beispielsweise dafür, dass das Dreizackwerk mit „Precision Edge Technology“ werben kann: Die Klingen werden vor dem Schleifen per Laser vermessen. Ein Computer berechnet den exakten, individuellen Abzugswinkel, und die Roboter schleifen die Messer am nassen Stein.

Bergische Marktführer

„Das ist präziser, als es mit der Hand gemacht werden kann“, erläutert Harald Wüsthof, der das Familienunternehmen in siebter Generation führt. „Viele traditionelle Solinger Berufe werden ja auch gar nicht mehr ausgebildet.“ Als die Roboter einsprangen, veränderten sich die Anforderungen an die übrige Belegschaft. „Heute brauchen wir mehr Mechatroniker, Elektroniker und Werkzeugmacher“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter. „Fachkräftemangel ist für uns ein echtes Thema.“

Deshalb legt man großen Wert auf den eigenen Nachwuchs: Schon im Foyer werden Besucher des Dreizackwerks von einer Fotoleiste der zurzeit 16 Auszubildenden begrüßt. „Wir haben immer über Bedarf ausgebildet“, betont Harald Wüsthof. „Außerdem haben wir im letzten Jahr ein großes Projekt zum betrieblichen Gesundheitsmanagement gestartet“, ergänzt seine Cousine Viola, die für das Produktmanagement verantwortlich ist. „Mitarbeiter haben bei uns einen hohen Stellenwert.“

Die „Großfamilie Wüsthof“, so der 45-jährige Geschäftsführer, stellt pro Jahr 1,7 Millionen geschmiedete Klingen her, Tendenz steigend. Produziert wird am Stammsitz an der Kronprinzenstraße und im Gewerbegebiet Dycker Feld. Dort errichtete das Unternehmen 2005 ein weiteres modernes Werk.

Bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes werden investiert. „Durch eine neue Filteranlage haben wir das Abwasservolumen erheblich reduziert“, nennt Harald Wüsthof ein Beispiel. Systeme zur Wärmerückgewinnung und eine große Photovoltaik-Anlage tragen ebenfalls zum Umweltschutz bei. Wüsthof: „Wir machen das seit zehn Jahren, ohne groß darüber zu sprechen.“

„Ohne unseren Namen verlässt kein Messer das Haus.“

Harald Wüsthof Geschäftsführer

Die hochautomatische, technisierte Fertigung will aber auch gesteuert werden. „Wir stehen vor der Aufgabe, individueller zu fertigen“, erläutert Wüsthof. „Jeder große Kunde möchte etwas Eigenes haben.“ „Eigen“ heißt aber nicht OEM-Ware. Die Wüsthof-Grundsätze sind einfach: „Wir produzieren ausschließlich in Solingen. Das steht bei uns ganz oben und ist für uns ein wichtiges Marketing-Instrument. Außerdem verlässt kein Messer ohne unseren Namen das Haus.“

Zwölf Köche-Nationalmannschaften schneiden mit Wüsthof-Messern

Darüber hinaus gibt es das Co-Label „Le Cordon Bleu“. Die Solinger arbeiten mit dieser renommierten Kochschule zusammen und statten außerdem die Köche von zwölf Nationalmannschaften mit Messern aus. Wüsthof: „Neben der deutschen Mannschaft gehört dazu auch die sehr erfolgreiche aus Singapur und interessanterweise auch die aus Japan.“ Ein Viertel bis ein Drittel der Produktion geht in die Gastronomie. „Wir verzichten aber bewusst auf Testimonials von Star-Köchen“, unterstreicht Wüsthof.

Zum Sortiment gehören noch gestanzte Messer (in ähnlich hoher Stückzahl wie die geschmiedeten und ebenfalls aus Solingen, zum Teil zugeliefert) und Maniküre-Artikel. Anfang dieses Jahres wurde das Programm neu aufgelegt. Wüsthof: „Vor 20, 30 Jahren war das Maniküre-Sortiment viel bedeutender. Bei allem, was wir tun, bleiben wir aber im Schneidwarenbereich.“

Die amerikanische Erfolgsgeschichte will der 45-Jährige auch in anderen Märkten fortschreiben. Harald Wüsthof: „Die Märkte in Australien und Asien sind in den letzten zwei Jahren überproportional gewachsen.“ Der größte Wachstumsmarkt ist aber eindeutig China: Dort will Dreizack in diesem Jahr auf gut 40 eigene Verkaufsstellen kommen.